Vom Mietshaus zum Gemeingut: Bewohner kaufen ihr Haus und wagen ein neues Wohnmodell
Mieter übernehmen Eigentum, um Wohnen bezahlbar und gemeinschaftlich zu gestalten
In einem unsanierten Altbau in der Lisztstraße zeichnet sich ein stiller Wandel ab: Die derzeitigen Mieter wollen das Haus kaufen und aus der Verfügungsgewalt des Marktes nehmen. Die beiden Gebäude Lisztstraße 12 und 14, zuletzt im Besitz der Weimarer Wohnstätte, stehen zum Verkauf. Für die Bewohnerinnen und Bewohner bedeutet das eine Entscheidung mit persönlicher und ökonomischer Tragweite.
Für viele hier ist das Haus mehr als eine Adresse. Sarah P. hat zwei Kinder großgezogen und schwärmt von den alten Fensterscheiben und dem besonderen Licht, das durch sie fällt. Die Ofenheizung ist für sie zwar umständlich, zugleich aber eine vertraute Wärmequelle. Michael Fischer, Künstler und Wissenschaftler, berichtet, wie ihn das Gebäude selbst inspiriert hat und wie sehr er sich mit dem Ort verbunden fühlt. Solche Geschichten erklären, warum die Idee, das Haus gemeinschaftlich zu erwerben, in der Nachbarschaft Anklang findet.
Die Initiative trägt den Stempel des Lösungslabor e.V. und seiner Tochtergesellschaft Häuser für Alle Weimar GmbH. Ziel ist es, das Haus in kollektives Eigentum zu überführen: Bewohnerinnen und Bewohner werden Mitglied im Verein, verwalten das Gebäude selbst und sichern es so langfristig gegen Spekulation. Die Stiftung trias soll dabei den Boden kaufen und dauerhaft vor Handelsdruck schützen.
Finanzierung und Zeitplan
Die Finanzierung basiert auf zwei Säulen: einem Bankkredit und privaten Direktkrediten. Konkret sollen zur Deckung des Kaufpreises von rund zwei Millionen Euro etwa 1,6 Millionen Euro als Bankkredit aufgenommen werden; zusätzliche 400.000 Euro sollen als Eigenkapital über Direktkredite aus der Nachbarschaft und Unterstützerkreisen zusammenkommen. Bis zum Sommer soll die Finanzierung geklärt sein und der Kauf erfolgen.
- Bankkredit als tragende Säule zur Deckung des Kaufpreises
- Direktkredite von Bewohnern, Familien und Förderern als Eigenkapital
- Stiftung sichert Boden langfristig gegen Spekulation
Chancen und Zweifel
Das Modell verspricht, Mieter vor willkürlichen Kündigungen zu bewahren und Renditeorientierung aus dem Wohnraum zu nehmen. Zugleich bleibt die Lage ambivalent: Mieten werden voraussichtlich steigen, solange Kredite bedient werden müssen, und der organisatorische Aufwand für Sanierung und Selbstverwaltung ist hoch. Manche Bewohner sind skeptisch, andere sehen die Möglichkeit, ihr Viertel aktiv zu gestalten und gegenseitige Unterstützung zu vertiefen.
Auch die Politik zeigte sich interessiert, aber zurückhaltend. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Weimarer Wohnstätte betonte, dass das Konzept überzeugt habe, weil Kaufpreisangebot und Umsetzbarkeit stimmten, zugleich aber gemeinschaftliche Mitwirkung der Bewohner Voraussetzung bleibe.
Für die Initiatoren ist das Projekt nicht nur ein Einzelfall, sondern ein Modell mit Signalwirkung: Wenn sich solche Gruppen organisieren und Grundstücke sichern, könnte das in einer Stadt wie Weimar ein Gegengewicht zur Verwertung von Wohnraum schaffen. Ob das Vorhaben gelingt, entscheidet sich in den kommenden Monaten - zwischen Hoffnung, Arbeit und der Suche nach verlässlicher Finanzierung.
Stadt: Weimar
